|
Radtour nach Greetsiel
Heute wollen wir in das benachbarte Greetsiel radeln. Die Strecke mit dem Fahrrad ist etwa 20 bis 21 Kilometer lang. Der kleine Fischerort ist ein beliebtes Ausflugsziel. Die Route führt meistens direkt an der Küste und am Deich entlang.
Kurz hinter dem „Haus des Gastes“ in Norddeich treffen wir erstmals auf Schafbeweidung am Deich. Schafe leben auf dem Deich, weil sie als lebende Rasenmäher den Küstenschutz unterstützen. Die kleinen, harten Klauen der Schafe treten den Boden fest und machen die Deichoberfläche stabil.
Durch den festen Boden können Wühlmäuse oder Maulwürfe keine Gänge graben. Die Tiere fressen das Gras kurz und flächendeckend, wodurch ein dichtes Wurzelgeflecht entsteht, das den Deichboden und die Grasnarbe stabiler macht und so den Deich vor Regen und Sturmfluten schützt.
Bei unserer Weiterfahrt sehen wir vorbereitete Buschbündel am Rande des Wattenmeers liegen. Die Bündel bestehen aus dicht zusammengebundenem Strauchschnitt oder Ästen. Sie sind das zentrale Baumaterial für sogenannte Lahnungen, die im Küstenschutz eingesetzt werden. Sie dienen dazu, Strömungen im Watt zu dämpfen und Sedimente abzulagern. Durch die künstlich angelegten Lahnungsfelder wird der Meeresboden erhöht, um neues Land vor dem Deich zu formen.
Die Bündel werden in doppelreihige Holzpfahlreihen im Wattboden gestopft, um rechteckige „Lahnungsfelder“ zu bilden. Bei Flut strömt das Wasser in diese Felder hinein. Durch das Buschwerk wird die Strömungsgeschwindigkeit stark abgebremst. Im beruhigten Wasser sinken die mitgeführten Schwebstoffe und Schlickteilchen zu Boden und setzen sich ab. Dadurch wächst der Meeresboden über Jahre hinweg in die Höhe.
Unsere Fahrt führt uns immer an der Wasser-/Wattkante entlang und bot einen tollen Blick auf das Wattenmeer. Um zu sehen, was hinter dem Deich liegt, sind wir an einer Abzweigung hoch auf den Deich geradelt. Von der Flanke des grasbewachsenen Deichs haben wir einen weiten Blick auf das „Land hinterm Deich“. Eine weite ländliche Agrarlandschaft mit frisch abgeernteten Feldern liegt unter uns. Die Grünstreifen zeigen parallel verlaufende Heubahnen, die zum Trocknen aufgereiht sind. Eine Baumgruppe sowie eine Windkraftanlage am Horizont runden das Bild ab.
Wir fahren den Hang wieder hinunter, um lieber wieder an der Wasser-/Wattkante entlangzuradeln. Hier treffen wir wieder auf Landgewinnung. Entlang dieses Deichabschnittes helfen die aus Holz geflochtenen Zäune und haben bereits Schlick und Sand am Boden festgehalten, wodurch das Vorland langsam an Höhe gewinnt.
 |
Etwas später radeln wir an den Salzwiesen vorbei. Sie gehören zu den faszinierendsten Naturlandschaften des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, denn sie bilden das direkte Vorland des Deichs entlang der Leybucht. Sobald der Boden hoch genug ist und seltener überspült wird, siedeln sich Pionierpflanzen an. So entstehen wertvolle Salzwiesen, die bei Sturmfluten die Wellenbrechfunktion vor dem eigentlichen Deich übernehmen.
Da ein Stück an der Wasserkante gesperrt war, mussten wir zurück auf den Deichweg. Hier grasen im Sommer häufig Kühe und Schafe auf den saftigen Weideflächen und Deichhängen. Die Strecke auf dem befestigten Deichweg bot einen tollen Blick auf die Weidetiere, die teils zum Greifen nahe an uns vorbeizogen, bzw. uns den gepflasterten Deichweg freigaben.
 |
Das war ein wunderbares und typisch ostfriesisches Erlebnis! Kühe auf dem Deich sind oft tiefenentspannt und an Spaziergänger und Radfahrer auf diesem Deichweg gewöhnt. Dass sie uns so bereitwillig und friedlich Platz gemacht haben, zeigt, wie harmonisch die Co-Existenz von Mensch und Tier dort oben funktioniert.
Kurz vor Greetsiel radeln wir über den Leyhörn Deich und sehen das Sperrwerk Leysiel vor uns liegen. Das Sperrwerk Leysiel bildet zusammen mit seiner integrierten Seeschleuse und der dazugehörigen Klappbrücke das Herzstück des Küstenschutzes an der ostfriesischen Leybucht. Die Anlage befindet sich auf der künstlichen Halbinsel Leyhörn nordwestlich von Greetsiel.
Das Sperrwerk Leysiel erfüllt mehrere Funktionen. Es bietet Schutz vor Sturmfluten aus der Nordsee und das 30 Meter breite Siel unterstützt die Entwässerungsfunktion der Anlagen in Greetsiel und Leybuchtsiel. Die Schleuse am Sperrwerk Leysiel verbindet das Binnenland mit der Nordsee. Sie sorgt dafür, dass die im Greetsieler Hafen liegende Fischerei- und Sportbootflotte über die Schifffahrtsrinne und das Speicherbecken unabhängig von Ebbe und Flut die Nordsee erreichen können. Durch diese Maßnahmen war es möglich, den Küstenschutz zu optimieren und den Charakter Greetsiels als typisch Ostfriesisches Fischerdorf zu erhalten.
 |
Die Anlage umfasst neben dem eigentlichen Schöpfwerk auch eine Klappbrücke. Diese führt direkt über die Schleusenkammer. Sie wiegt rund 25 Tonnen und wird für die Durchfahrt von Schiffen mit hohen Aufbauten oder Masten hydraulisch hochgeklappt.
 Der Weg vom Sperrwerk Leysiel ins Zentrum von Greetsiel ist etwa 5 Kilometer lang. Ein asphaltierter Betriebsweg führt uns an der Spitze der Landzunge, durch ein geschütztes Vogelschutzgebiet, schnurgeradeaus nach Osten direkt auf den Ortskern von Greetsiel zu.
Am Eingang des Ortes treffen wir auf ein Begrüßungsschild „Moin Herzlich willkommen“. Das Bild auf der Staffelei zeigt eine gemalte Küstenzene mit einem Fischkutter im Hafen von Greetsiel, der im Hintergrund von den historischen Giebelhäusern umgeben ist. Neben den amtlichen Verkehrsschildern ist das gemalte und illustrierte Greetsiel eine wunderschöne Bereicherung des Ortes.
Windmühlen gehören zu Ostfriesland wie Kluntje in den Tee. Nun radeln wir zu den vielleicht berühmtesten Mühlen in Ostfriesland. Es sind die Zwillingsmühlen am Ortseingang des ostfriesischen Fischerdorfes Greetsiel. Die erste Mühle die wir besuchen ist die grüne Zwillingsmühle. Zusammen mit ihrer roten Schwesternmühle bildet sie das weithin bekannte Wahrzeichen des Ortes.
 |
Die grüne Mühle wurde im Jahr 1856 als zweistöckiger Galerieholländer erbaut. Sie war bis 1964 gewerblich und bis 1972 für den Eigenbedarf in Betrieb. Im Herbst 1972 beschädigte ein schwerer Sturm die Flügel, woraufhin der Mahlbetrieb endgültig eingestellt werden musste. Nach der Übernahme und Sanierung durch den Landkreis sowie die Mühlenvereinigung wurde im Erdgeschoss eine gemütliche Teestube eingerichtet. Im ersten Stock befindet sich zudem eine Kunstgalerie.
 |
In einem Abstand von ca. 130 Metern steht die rote Zwillingsmühle (Schoof´s Mühle). Sie wurde 1921 auf einem alten Unterbau gebaut. Für den Bau wurden Teile der alten Auricher Wallmühle von 1750 verwendet. Im Jahre 1950 gelangte die Mühle in den Besitz der Familie Schoof, die sie heute noch betreibt und damit Schrot und Mehl mit Wind- und Motorkraft für den Landwarenhandel herstellt. 
Im Erdgeschoss der Mühle befindet sich ein Mühlenladen, in dem regionale Produkte verkauft werden. Die Mühle kann fast täglich besichtigt werden. Im ehemaligen Kornspeicher, dem sogenannten „Packhaus“ betreibt die Familie ein Café. Erschöpft von der Hitze entschließen wir uns, hier eine Pause einzulegen.

Das Café bietet eine schön gelegene Terrasse direkt am Greetsieler Sieltief, doch wir haben den noch kühlen Innenraum vorgezogen. Das wunderschön gestaltete Schoofs Mühlencafé kombiniert den urigen, historischen Charme des Mühleninneren mit einer gemütlichen Atmosphäre.

Ein schwarzes Deko-Wandschild in Form einer Kanne trägt die Aufschrift „Immer mit der Ruhe“.
Ein humorvoller Spruch für eine gemütliche Küchen- oder Cafe-Atmosphäre, der zu Gelassenheit aufruft.
Auch wir tun uns die Ruhe bei der Hitze an und genießen den ausgezeichneten selbst gebackenen Kuchen, zu dem ein Eiscafé mit einer üppigen Haube aus Schlagsahne und Schokostreuseln sehr gut mundete.
Bei sonnigem und sehr warmen Sommerwetter von 31 Grad radeln wir nach unserer Pause zum historischen Hafen von Greetsiel, der seit der Fertigstellung der Küstenschutzmaßnahmen an der Leybucht im Jahr 1991 tideunabhängig ist. Der Sielhafen ist über 600 Jahre alt und beheimatet die größte Krabbenkutterflotte der Region. Die Fischer fangen hier hauptsächlich Nordseekrabben, die in der Region von den Einheimischen traditionell auch als „Granat“ bezeichnet werden.
 |
Entlang des Sielhafen reihen sich historische Giebelhäuser entlang. Die markanten, gut erhaltenen Backsteinhäuser stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert und sind überwiegend im typischen ostfriesischen Baustil errichtet. Die Häuserzeile am Hafen ist ein beliebtes Postkartenmotiv und hat es auch schon mehrfach ins Fernsehen geschafft.
Überhaupt ist Greetsiel – nicht zuletzt wegen seines zauberhaften Charmes – schon öfter Drehort für Fernsehproduktionen gewesen, zuletzt für die RTL-Serie „Alles was zählt“. Der malerische Hafen, gelegen an der Nordseeküste im Herzen Ostfrieslands, ist zweifellos ein Juwel, das Besucher aus nah und fern anzieht. Ca. 1500 Einwohner leben hier, und in den Sommermonaten besucht ein Vielfaches mehr an Urlaubern die malerischen Gassen und alten Häuser.
Der Fischerort Greetsiel wurde erstmals 1388 als Hafenort beurkundet. Die restaurierten, Giebelhäuser im historischen Ortskern am Alten Greetsieler Siel sind für eine malerische Dorfzene bekannt. In all diesen Häusern sind gemütliche Straßencafés oder Restaurants untergebracht, die eine charmante, maritime Atmosphäre bieten. Eine solche Komplexität gut erhaltener historischer Gebäude findet sich sonst nirgendwo im ostfriesischen Raum.
Der alte Greetsieler Siel ist ein verschließbarer Gewässerdurchlass, der als Ventil zur passiven Entwässerung des Binnenlandes dient und gleichzeitig das Eindringen von Meerwasser bei Flut verhindert. Das historische Bauwerk besitzt eine gemauerte Sielkammer (Sieltunnel) und hölzerne Sieltore (Fluttore).
 |
 Der von großen Bäumen beschattete Ortskern auf beiden Seiten des Siels bietet den Touristen und uns an diesem heißen Tag Schutz vor Sonne und kühlt die Luft durch Verdunstung und schafft so angenehme, luftige Plätze im Freien.
Auf dem Marktplatz steht eine Linde, direkt neben einem alten Schiffsanker.
Der historische Schiffanker, mit schweren Eisenketten, lehnt am Stamm und erinnert an die tief verwurzelte Schifffahrts- und Fischereitradition des bekannten Sielorts.
Nach einer Pause unter den schattigen Bäumen setzen wir unsere Orterkundung fort und stehen vor dem markanten, freistehenden Backsteinturm der ev.-reformierten Kirche in Greetsiel. Er prägt das historische Ortsbild des ostfriesischen Fischerdorfes und steht direkt an der alten Sielmauer, umgeben von historischen Gassen und Backsteinhäusern.
 |
Wie bei vielen mittelalterlichen Kirchen in Ostfriesland steht der Backsteinturm separat und ein Stück abseits vom eigentlichen Kirchenschiff. Der Marschboden ist sehr weich und nicht tragfähig. Durch das Läuten der schweren Kirchenglocken entstehen starke Schwankungen. Wäre der schwere Turm direkt an die Kirche gebaut, wurden diese Erschütterungen zu schweren Rissen am Kirchenschiff führen. Das Bauwerk und die dahinter liegende Saalkirche wurden zwischen 1380 und 1410 errichtet. Im Erdgeschoss des Turms befindet sich eine kleine, ehrenamtlich geführte Bücherei.
 |
Für eine Besichtigung der Kirche stellen wir unsere Fahrräder ab. Als langgestreckte einschiffige Saalkirche aus Backsteinen erbaut, ist sie eine typisch friesische Kirche. Das Langhaus besitzt eine flache, in einem hellen Grünton gefasste Holzbalkendecke, die von einem großen Messing-Kronleuchter ergänzt wird. Auffällig im Innenraum sind die traditionellen grünen Kirchenbänke mit kleinen Türen.  Jede Bankreihe hat eine eigene Tür, die früher dazu diente, die Wärme von mitgebrachten Fußwärmern in der Bank zu halten. Der Kirchenraum mit seinen hellen Farbgebung und den grünen Akzenten prägt den schlichten, aber schönen Innenraum.
Als reformierte Kirche verzichtet der Raum gemäß dem biblischen Bilderverbot gänzlich auf Altäre, Kruzifixe oder bildliche Darstellungen. Im hinteren Bereich ist die Westempore mit prägnanten Bibelsprüchen gestaltet
Blickfang ist die historische holzgeschnitzte Kanzel im Mittelpunkt des Raumes aus dem Jahr 1669. Sie zeigt Blumengirlanden in barocker Schnitzkunst.
Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die Orgelempore mit einer historischen Orgel aus dem Jahr 1738 vom Orgelbauer Johann Friedrich Constabel.
 |
Wir radeln durch die kleinen Gassen mit „Puppenstubencharakter“ und kommen zu eines der schönsten Postkartenmotive Ostfrieslands. Wir stehen oberhalb eines Bootsverleihs am Alten Greetsieler Sieltief und haben freien Blick auf die berühmten Greetsieler Zwillingsmühlen. (Eine rote und eine grüne Mühle). 
Sie stehen so nahe beieinander, dass man sie zusammen auf ein Bild bekommt, denn ihr Abstand beträgt nur 130 Meter. Zusammen mit den bunten Tretbooten, Kanus oder Kajaks sind sie immer wieder ein anziehendes Fotomotiv. Genau an gleicher Stelle, mit den bunten Booten im Vordergrund, haben wir 2001 die Zwillingsmühlen fotografiert. Beide Fotos gleichen sich sehr, nur wir sind 25 Jahre älter geworden.
 |
Von hier starten wir nun zu unserer Rückfahrt. Eigentlich wollten wir den etwas weiteren Weg im Landesinneren nehmen, doch die Hitze machte uns sehr zu schaffen, sodass wir uns wieder für den Küsten-Klassiker entschieden haben. Da es auf den Deichwegen kaum Schatten gibt, hofften wir auf aufsteigendes Wasser, das uns etwas Kühle bringen würde. Leider hatten wir den Gezeitenkalender nicht im Kopf und so hatten wir Hochwasser entlang unserer Route erst um 18.55 Uhr. Da sich das Meer kilometerweit zurückzieht, sahen wir immer noch den freiliegenden Meeresboden mit typischen Rinnen und Priele sowie ein schweres Steindeckwerk, das den Deich vor der direkten Erosion durch Wellen schützt.
 |
Eine Abwechslung boten uns zwei Austernfischer auf trockenem, rissigem Schlick. Sie gehören zu den bekanntesten Vögeln an der Nordseeküste, die im Bereich des Wattenmeeres auf Sand- und Schlickflächen nach Nahrung suchen. Der Austernfischer ist perfekt an das Leben im Watt angepasst. Mit seinem kräftigen Schnabel kann er Muscheln öffnen oder Würmer tief aus dem Schlick ziehen. Manche Vögel hämmern Muscheln auf, andere stechen geschickt zwischen die Schalenhälften. Im Binnenland stehen dagegen oft Regenwürmer auf dem Speiseplan. Die Vögel sind schwarz-weiß gefärbt und haben auffällige rote Schnäbel und rote Beine. Aufgrund ihres Aussehens und Vorkommens werden sie an der Küste auch scherzhaft als „Halligstörche“ oder „Friesenstörche“ bezeichnet.
 |
Zurück in Norddeich geht es für uns entlang des Hafens. Es handelt sich um den drittgrößten Personenhafen Deutschlands. Seit 150 Jahre legen von hier die Passagier- und Autofähren der Reederei Norden-Frisia zu den bekannten ostfriesischen Inseln Norderney und Juist ab.
Die Aufgabe der "Frisia" ist nach wie vor die eines klassischen Inselversorgers: Mit zwölf Fähr-, Fahrgast- und Frachtschiffen bedient sie im Schwerpunkt ab Norddeich im ganzjährigen Liniendienst die Inseln.
Möwenschreie im Hafen von Norddeich gehören zum typischen maritimen Klangbild der ostfriesischen Küste. Am geschäftigen Fähranleger sind die Vögel allgegenwärtig, da sie durch Fischkutter, Hafenbetriebe und Tourismus ein leichtes Nahrungsangebot finden.
|